
Eine Stadt in fünf Tälern
Geislingen an der Steige
Zwischen Fels und Fluss, zwischen Albtrauf und Eisenbahn liegt eine Stadt, die seit über neunhundert Jahren Menschen aufnimmt, die von weit her kommen. Das hier ist ihr Weg – und unserer.
- Lage
- 48°37′N · 9°49′O
- Höhe
- 421 m ü. NN am Sternplatz
Ouvertüre
Fünf Täler, ein Ort
Geislingen liegt dort, wo fünf Täler zusammenlaufen und die Schwäbische Alb steil nach oben geht. Genau diese Enge hat alles entschieden: Wer von Ulm nach Norden wollte, musste hier durch. Wo andere Städte einen Marktplatz hatten, hatte Geislingen einen Engpass – und alles, was durch einen Engpass muss, hält dort an. Der Koran sagt es über die Erde im Großen, was hier im Kleinen gilt: „Er ist es, der die Erde ausgebreitet und darauf feste Berge und Flüsse gesetzt hat“ (vgl. Sure ar-Ra'd, 13:3) – auch ein Engpass zwischen fünf Tälern ist am Ende nur eine Falte in dieser Landschaft, hingelegt, damit jemand darin wohnt.
- Oberes Filstal
- Unteres Filstal
- Rohrachtal
- Eybtal
- Längental
- 1108
- Erste urkundliche Erwähnung
- 5
- Täler treffen sich hier
- 27.791
- Einwohnerinnen und Einwohner (2024)
- 112 m
- Höhenunterschied der Steige
Der Weg
Dreizehn Stationen, neunhundert Jahre. Tippen Sie eine an, um dorthin zu springen.

Der erste Name
Bevor es eine Stadt gab, gab es einen Namen
Eine Frau namens Mechthild von Giselingen schenkt dem Kloster Blaubeuren Land. Der Schreiber setzt ihren Herkunftsnamen aufs Pergament, und damit steht „Giselingen“ zum ersten Mal geschrieben in der Welt. Es ist das Jahr 1108. Von einer Stadt ist noch nirgends die Rede.
Die Menschen sind längst da – gesiedelt wird hier seit der späten Bronzezeit. Und der Fels über dem Rohrachtal, der Geiselstein, steht seit ungefähr immer. Städte beginnen selten mit einer Gründung. Sie beginnen damit, dass jemand einen Namen aufschreibt und der Name bleibt. Auch das kennt der Koran: „Und zu Seinen Zeichen gehören die Erschaffung der Himmel und der Erde und die Verschiedenheit eurer Sprachen und eurer Farben“ (vgl. Sure ar-Rum, 30:22) – dass ein Ort und ein Name einander finden, ist selten Zufall, meistens ein Zeichen.

- 1108
- Mechthild von Giselingen
- Bronzezeit
- Erste Besiedlung der Gegend

Der Zoll am Berg
Eine Stadt, gebaut aus einem Engpass
Die Grafen von Helfenstein sitzen seit etwa 1100 auf der Burg über dem Tal. 1171 richten sie unten eine Zollstätte ein. Das ist der eigentliche Gründungsakt: Nicht ein Marktrecht, nicht eine Kirche – eine Schranke. Wer hinauf auf die Alb will, zahlt.
Es funktioniert. 1237 wird Geislingen zum ersten Mal als Stadt genannt; Kaiser Friedrich II. stellt hier eine Urkunde aus. Um 1250 steht eine sechs Meter hohe Mauer mit Türmen darum herum. Aus der Schranke ist ein Ort geworden, an dem man bleibt.

- ≈1100
- Burg Helfenstein erbaut
- 1237
- Erstmals als Stadt genannt
- 6 m
- Höhe der Stadtmauer, um 1250

Die Herzogin
Vierzig Jahre lang lebt eine Bosnierin über der Stadt
Marija Kotromanić, Herzogstochter aus Bosnien, heiratet Graf Ulrich V. von Helfenstein. Von 1356 bis 1396 lebt sie auf der Burg über Geislingen. Eine Gedenktafel in der Ruine erinnert bis heute an sie.
Es ist eine kleine Fußnote und eine große Auskunft: Diese Stadt war nie nur diese Stadt. Wer hier oben wohnte, kam aus achtzehnhundert Kilometern Entfernung. Der Gedanke, dass Zugehörigkeit an der Talkante endet, ist jünger als die Burg.
Im Koran steht der Satz, der über dieser ganzen Geschichte stehen könnte, lange bevor es Geislingen gab: „O ihr Menschen, Wir haben euch aus Mann und Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt“ (Sure al-Hujurat, 49:13). Eine Herzogin aus Bosnien auf einer Burg in Schwaben ist genau das: zwei Stämme, die einander kennenlernen, dreihundert Jahre bevor irgendjemand von einer Moschee auch nur träumte.
- 1356–1396
- Marija Kotromanić auf Burg Helfenstein

Der Verkauf
Die Reichsstadt Ulm kauft Burg und Stadt
Die Helfensteiner verschulden sich. 1382 geht die Burg als Pfand an Ulm, 1396 kauft die freie Reichsstadt sie samt Geislingen ganz. Über vierhundert Jahre lang wird die Stadt an der Steige zu Ulm gehören.
Was wie ein Verlust klingt, ist ein Bauauftrag. Ulm ist reich, Ulm baut gerade das größte Kirchenschiff nördlich der Alpen – und Ulm schickt seine Baumeister ins Tal. Fast alles, was Geislingen heute für sein Wahrzeichen hält, entsteht in dem Jahrhundert danach. Der Koran warnt genau davor, einen Verlust vorschnell zu benennen: „Vielleicht aber ist euch etwas zuwider, obwohl es gut für euch ist … Allah weiß, ihr aber wisst nicht“ (vgl. Sure al-Baqara, 2:216). Für Geislingen war der Verkauf an Ulm genau das.
- 1396–1802
- Geislingen gehört zu Ulm

Holz und Stein
Ein Jahrhundert, in dem alles gebaut wird
In den 1420er Jahren entsteht das Alte Rathaus. Von 1424 an setzt die Ulmer Münsterbauhütte die Evangelische Stadtkirche in nur vier Jahren ins Tal. Um 1445 kommt der Alte Bau dazu – ein Kornspeicher, siebengeschossig, aus Eichenfachwerk, bis heute eines der stattlichsten Fachwerkhäuser Württembergs. 1495 folgt der Alte Zoll.
Der Alte Bau war nie ein Schloss und nie eine Kirche. Er war ein Lagerhaus für Getreide, gebaut in der Größe einer Kathedrale, weil Vorrat in einer Stadt am Berg wichtiger ist als Repräsentation. Heute steht das Museum darin, mit den Geislinger Elfenbein- und Beinschnitzereien und einem 28 Meter langen Modell der Steige.
Und oben, auf dem Felssporn, steht schon seit etwa 1400 der Ödenturm: 33 Meter, gebaut, um die Burg zu sichern.
- 4
- Jahre Bauzeit für die Stadtkirche
- ≈1445
- Alter Bau, Kornspeicher
- 33 m
- Höhe des Ödenturms

Was blieb
Die Stadt bittet darum, ihren Turm behalten zu dürfen
Im Zweiten Markgrafenkrieg besetzt der Markgraf von Ansbach in der Karwoche 1552 die Burg Helfenstein. Ulm schießt sie mehrere Tage lang zurück – und sprengt danach die eigene Festung, damit sie nie wieder jemandem nützt. Was heute oben steht, ist Ruine seit fast fünfhundert Jahren.
Der Ödenturm daneben bleibt stehen und wird Wachturm der Stadt. In napoleonischer Zeit fällt er an Bayern und soll abgebrochen werden. Die Geislinger bitten dringend darum, ihn zu behalten. Man lässt ihn stehen; seit 1823 gehört er der Stadt.
Eine Stadt erkennt man nicht nur daran, was sie baut. Auch daran, worum sie bittet. Im Islam gilt das für jeden Einzelnen genauso: „Das Bittgebet ist der Kern der Anbetung“, sagt der Prophet Muhammad ﷺ (Hadith bei Abu Dawud und at-Tirmidhi). Wer bittet, gesteht damit ein, dass er nicht alles selbst in der Hand hat – die Stadt 1823 nicht anders als jeder Betende heute.
- 1552
- Burg Helfenstein zerstört
- 1823
- Der Ödenturm gehört der Stadt

Die Steige
Dreitausend Menschen bauen einen Berg begehbar
Von 1847 an arbeiten etwa dreitausend Menschen an einer Eisenbahnstrecke, die es so noch nicht gibt: 5,7 Kilometer, 112 Höhenmeter, bis zu 22,5 Promille Steigung. Geplant von Oberingenieur Michael Knoll und Oberbaurat Karl von Etzel. Am 29. Juni 1850 fährt der erste Zug hinauf.
Es ist die erste Gebirgsüberquerung einer Eisenbahn in Kontinentaleuropa. Die Strecke ist so steil, dass bis heute schwere Güterzüge nicht allein hochkommen: Schiebelokomotiven setzen sich hinten an und drücken.
Von diesem Tag an ist Geislingen nicht mehr ein Ort am Weg. Es ist ein Ort am Netz. Alles Weitere – die Fabriken, die Arbeit, die Menschen, die kommen werden – hängt an diesen 5,7 Kilometern.

- 5,7 km
- Länge der Steige
- 22,5 ‰
- Maximale Steigung
- ≈3.000
- Arbeiter beim Bau

Das Metall
Aus einer Mühle am Fluss wird ein Weltunternehmen
Daniel Straub, Müller und Unternehmer, gründet 1850 eine Maschinenfabrik. 1853 entsteht aus der Ölmühle unterhalb der Stadt die Plaquéfabrik Straub & Schweizer, die 1880 zur Württembergischen Metallwarenfabrik wird – WMF.
Versilbertes Besteck aus Geislingen liegt bald auf Tischen in Berlin, Hamburg, München und weit darüber hinaus. Die Stadt wächst mit: 2.075 Menschen im Jahr 1823, 7.050 im Jahr 1900, 17.478 im Jahr 1939.
Eine Kleinstadt an einem Engpass ist zu einer Industriestadt geworden. Und Industriestädte brauchen immer dasselbe: Hände.

- 1880
- Gründung der WMF
- 7.050
- Einwohner im Jahr 1900
1944
Die Namen
Was auch zu dieser Stadt gehört
Ab Juli 1944 besteht auf dem WMF-Gelände ein Außenlager des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof. Rund tausend jüdische Frauen, aus Ungarn deportiert und über Auschwitz hierher gebracht, müssen Zwangsarbeit für die Rüstungsproduktion leisten. Am 10. April 1945 wird das Lager Richtung Dachau-Allach geräumt. Nicht alle überleben.
Seit 2015 erinnert eine Namenstafel am Werkstor an sie. Seit 2018 gibt es am Ort des früheren Lagers eine Gedenkstätte – an der Heidenheimer Straße.
Wer die Geschichte dieser Stadt als Spaziergang erzählt, muss auch hier stehen bleiben. Nicht als Fußnote. Als Station.


- ≈1.000
- Frauen im Außenlager
- 2018
- Gedenkstätte am Lagerort

Die Ankunft
Sie kommen mit dem Zug, über dieselbe Steige
Der Wirtschaftsaufschwung braucht Arbeitskräfte. Zuerst kommen sie aus Südeuropa, ab den 1970er Jahren überwiegend aus der Türkei. Sie fahren dieselbe Strecke hinauf, die dreitausend Menschen hundertzwanzig Jahre vorher in den Berg geschlagen haben.
Ein Koffer, ein Vertrag, ein Zimmer, ein Wort Deutsch. Der Plan heißt fast immer „ein paar Jahre“. Aus den paar Jahren werden Kinder in Geislinger Schulen, Enkel mit schwäbischem Dialekt, Wohnungen, Werkstätten, Vereine, Nachbarschaften. In den 1980er Jahren liegt der Anteil der ausländischen Einwohner über zwanzig Prozent.
Später kommen deutsch-russische Familien dazu. Die Stadt, die als Zollschranke begonnen hat, ist zu dem geworden, was Zollschranken nie sein wollten: ein Ort, an dem man ankommt. Wer mit einem Koffer und einem Vertrag losfährt, verlässt sich auf mehr, als im Vertrag steht: „Und wer Allah fürchtet, dem schafft Er einen Ausweg und versorgt ihn, von wannen er nicht rechnet“ (vgl. Sure at-Talaq, 65:2–3). Das war so, lange bevor jemand hier betete – und es blieb so, nachdem die ersten Moscheen entstanden.

- 1970er
- Vor allem türkische Gastarbeiter
- > 20 %
- Ausländische Einwohner in den 1980ern

Der Wendepunkt
Das Jahr, in dem aus Angekommenen eine Gemeinde wurde

Eigenarbeit
Sie hatten keinen Ort zum Beten, also bauten sie einen
Sie waren als Gastarbeiter aus der Türkei gekommen, in dieselben Fabriken, für die hundert Jahre zuvor die Steige in den Berg geschlagen worden war. Einen ersten gemeinsamen Gebetsraum erhielten sie bei der früheren MAG. Dort erkannten sie, wie wichtig ein dauerhafter Gebetsort für die Gemeinde war.
Also legten sie zusammen, was sie erübrigen konnten – „wer gibt und gottesfürchtig ist … dem erleichtern Wir den Weg zur Erleichterung“ (vgl. Sure al-Lail, 92:5–7) –, kauften das heutige Anwesen an der Heidenheimer Straße und bauten es mit den eigenen Händen zur Moschee aus — nach der Schicht, an den Wochenenden, ohne Baufirma. Seit 1985 trägt dieses Haus die Gemeinde, und über seinem Fundament gilt ein Wort des Propheten Muhammad ﷺ: „Wer Allah zuliebe eine Moschee baut, dem baut Allah ein Haus im Paradies“ (Hadith bei al-Bukhari und Muslim).
Es ist genau dieselbe Geschichte wie die der Stadt, nur hundertdreißig Jahre später: Leute, die von weit her gekommen waren, haben mit der Hand gebaut, was es hier noch nicht gab. In jedem Ramadan seither wird in diesem Haus an jedem einzelnen Abend das Fastenbrechen ausgerichtet – und für jeden Teller, der dabei weitergereicht wird, gilt ein weiteres Versprechen des Propheten ﷺ: „Wer einen Fastenden speist, dem steht derselbe Lohn zu wie dem Fastenden, ohne dass dessen Lohn dadurch gemindert wird“ (Hadith bei at-Tirmidhi).

- 1985
- Die erste Moschee, in Eigenarbeit gebaut
- Jeden Abend
- Iftar im Ramadan, seit 1985
Der Grund
Zwanzig Jahre Arbeit lagen in einem Grund, der sich als vergiftet erwies
2005 begann das erste Neubauprojekt. Das Fundament wurde gesetzt, und danach wurde fünfzehn Jahre lang gesammelt — Spende um Spende, von einer Gemeinde, die nicht viel hatte und trotzdem gab.
Ab 2020 nahmen die Behörden den Boden unter die Lupe, weil unmittelbar daneben früher eine chemische Fabrik gestanden hatte. Die Untersuchungen dauerten bis 2024. Das Ergebnis war eindeutig: zu belastet für einen Ort, an dem täglich Menschen zusammenkommen. Eine Genehmigung wurde nicht erteilt. Der Prophet Muhammad ﷺ hat für genau solche Rückschläge ein Wort hinterlassen: „Kein Unglück, keine Krankheit, kein Kummer, keine Sorge, kein Leid, kein Ärger befällt einen Muslim – nicht einmal ein Dorn, der ihn sticht –, ohne dass Allah ihm dafür etwas von seinen Sünden vergibt“ (Hadith bei al-Bukhari).
Man kann diese Stadtgeschichte nicht erzählen, ohne zu bemerken, was hier passiert ist. Die Industrie, die den Menschen die Arbeit gab, für die sie hergekommen waren, hat im Boden etwas hinterlassen, das hundertfünfzig Jahre später ihre Moschee verhindert hat. Man könnte sagen: Geislingen gibt und Geislingen nimmt. Wer hier betet, sagt es anders: Allah ist es, der gibt, und Allah ist es, der nimmt — und in beidem liegt eine Weisheit, die sich oft erst später zeigt.
Und dann passiert das, was diese Stadt seit neunhundert Jahren tut, wenn ihr etwas kaputtgeht: Man fängt noch einmal an. 1552 hat Ulm die eigene Burg gesprengt und die Geislinger haben darum gebeten, wenigstens den Turm behalten zu dürfen. 2025 hat die Gemeinde ein neues Grundstück gekauft. Auf einen verlorenen Boden passen zwei Sätze aus dem Koran. Der erste, den Muslime beim Verlust sprechen: „Inna lillahi wa inna ilayhi raji'un – wir gehören Allah, und zu Ihm kehren wir zurück“ (Sure al-Baqara, 2:156). Der zweite steht zweimal hintereinander im Koran, als reiche einmal nicht: „Wahrlich, mit der Erschwernis ist Erleichterung. Wahrlich, mit der Erschwernis ist Erleichterung“ (Sure asch-Scharh, 94:5–6). Keiner von beiden ist ein Schlusswort. Beide sind der Satz, mit dem man weitermacht.
- 2005
- Fundament gesetzt
- 2024
- Genehmigung nicht erteilt
Heute
Das dritte Haus
Ein Haus für Geislingen — zweimal begonnen, einmal verloren
2025 hat die Gemeinde ein Grundstück gefunden, das groß genug ist und dessen Boden nichts verbirgt, und es für eine Million Euro gekauft. Zurzeit wird dort zurückgebaut. Die Genehmigungen für den Neubau sind beantragt und stehen aus.
Was dort entstehen soll, ist ausdrücklich kein Gebetsraum mit Zaun darum: ein Gebetssaal und ein Minarett, aber daneben Klassenräume, ein Kultur-Café, ein Spielplatz und ein Innenhof. Ein Haus, das die halbe Woche für Leute offen ist, die gar nicht zum Beten kommen. Der Koran beschreibt, wer eine Moschee überhaupt pflegen sollte: „Die Moscheen Allahs pflegt nur, wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt“ (vgl. Sure at-Tauba, 9:18) – der Vers spricht von Glauben, nicht von einem Zaun. Ein Innenhof für Nachbarn, die nicht beten kommen, widerspricht dem nicht. Er erfüllt ihn.
Und das alte Haus an der Heidenheimer Straße 93 steht bis dahin weiter da, so wie es 1985 zur Moschee ausgebaut wurde. Dieselbe Straße trägt weiter unten die Gedenkstätte an das Lager. Das ist kein Symbol, das ist eine Adresse — aber es beschreibt ziemlich genau, was ein Gebetsort in einer Stadt wie dieser zu tun hat: sich erinnern, und dann jemanden hereinbitten.
Was heute steht


Was geplant ist
Entwurf – noch nicht gebaut
Entwurf – noch nicht gebautAnsichten aus dem Entwurfsfilm zum geplanten Neubau. Sie zeigen einen Planungsstand, keine fertigen Bauteile — die Baugenehmigung ist beantragt und bisher nicht erteilt.
Stadt und Gemeinde
Was die beiden einander geben
Wer die beiden Geschichten nebeneinanderlegt, merkt schnell, dass es dieselbe ist. Eine Stadt, die aus Ankommenden gebaut wurde, und eine Gemeinde, die aus Ankommenden gebaut wurde. Dreimal reimt sich das so genau, dass es kaum noch Zufall sein kann.
1847–1850 — Etwa dreitausend Menschen schlagen eine Bahnstrecke in einen Berg, der bis dahin als unpassierbar galt. Es ist die erste Gebirgsüberquerung einer Eisenbahn in Kontinentaleuropa.
1985 — Nach einem ersten Gebetsraum bei der früheren MAG kauft die Gemeinde das heutige Anwesen und baut es nach Feierabend zur Moschee aus. Ohne Baufirma, aus zusammengelegten Ersparnissen.
Beide Male hat jemand mit der Hand gebaut, was es hier noch nicht gab – und für das zweite Mal gilt ein Wort des Propheten ﷺ: „Wer Allah zuliebe eine Moschee baut, dem baut Allah ein Haus im Paradies“ (Hadith bei al-Bukhari und Muslim).
1552 — Ulm sprengt die eigene Burg über der Stadt. Was übrig bleibt, ist der Ödenturm — und der bleibt nur stehen, weil die Geislinger darum bitten, ihn behalten zu dürfen.
2024 — Nach zwanzig Jahren Sammeln wird die Genehmigung für den Moscheeneubau verweigert: der Boden ist zu belastet. 2025 kauft die Gemeinde ein anderes Grundstück und fängt von vorn an.
Beide Male ist etwas verloren gegangen, und beide Male hat jemand weitergemacht – „mit der Erschwernis ist Erleichterung“, sagt der Koran zweimal hintereinander (Sure asch-Scharh, 94:5–6), als wüsste er, dass man es zweimal braucht.
Seit 1853 — Die Industrie macht aus einer Zollstadt eine Arbeitsstadt und holt Menschen aus halb Europa und aus der Türkei hierher.
2020–2024 — Eine chemische Fabrik, die einmal neben dem Baugrundstück stand, hat den Boden so hinterlassen, dass dort keine Moschee stehen darf.
Dieselbe Industrie, die die Gemeinde hergebracht hat, hat ihr später den Boden weggenommen. Für die Gemeinde gilt: Allah gibt, und Allah nimmt.
Was die Stadt gibt
Nachbarschaft. Menschen, die klingeln, fragen, mitfeiern und manchmal widersprechen – alles davon ist besser als Gleichgültigkeit. Der Prophet Muhammad ﷺ hat das zur Sache des Glaubens gemacht: „Wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt, der ehre seinen Gast … und der tue seinem Nachbarn nichts zuleide“ (Hadith bei al-Bukhari und Muslim). Eine Nachbarschaft, die das ernst nimmt, ist auf beiden Seiten der Straße dieselbe Pflicht.
Schulen, Vereine, Feuerwehr, Sportplätze: die Infrastruktur, in der aus Kindern von Zugezogenen Geislingerinnen und Geislinger werden.
Ein Rechtsstaat, der Religionsfreiheit nicht als Gunst gewährt, sondern als Recht garantiert.
Neunhundert Jahre Übung darin, Fremde aufzunehmen – von der Herzogin auf der Burg bis zum Werkvertrag von 1970.
Was die Gemeinde gibt
Offene Türen: Moscheeführungen für Schulklassen, Vereine und Nachbarn, die einfach wissen wollen, wie es drinnen aussieht.
Ein Kermes, bei dem am selben Tisch gegessen wird, und Feste, zu denen die halbe Straße kommt.
Seit 1985 an jedem einzelnen Abend des Ramadan ein Iftar. Das sind mittlerweile über tausend Abende, an denen in Geislingen ein Tisch für jeden gedeckt war, der kam – und für jeden dieser Abende gilt das Versprechen des Propheten ﷺ: „Wer einen Fastenden speist, dem steht derselbe Lohn zu wie dem Fastenden“ (Hadith bei at-Tirmidhi).
Jugendarbeit, Nachhilfe und Gesprächskreise für junge Menschen, die zwischen zwei Sprachen groß werden.
Seelsorge und Trauerbegleitung – auch dann, wenn niemand sonst zuständig ist.
Einen Neubau, der zur Hälfte gar nicht aus Gebetsraum besteht: Klassenräume, Kultur-Café, Spielplatz, Innenhof. Geplant für Leute, die nicht zum Beten kommen.
Eine Million Euro, zusammengetragen von einer Gemeinde ohne Vermögen, in eine Fläche in dieser Stadt investiert statt anderswohin getragen. „Wer gibt und gottesfürchtig ist … dem erleichtern Wir den Weg zur Erleichterung“, heißt es im Koran (Sure al-Lail, 92:5–7) – über das Geben selbst, nicht über die Summe.

يَٰٓأَيُّهَا ٱلنَّاسُ إِنَّا خَلَقْنَٰكُم مِّن ذَكَرٍۢ وَأُنثَىٰ وَجَعَلْنَٰكُمْ شُعُوبًۭا وَقَبَآئِلَ لِتَعَارَفُوٓا۟ ۚ إِنَّ أَكْرَمَكُمْ عِندَ ٱللَّهِ أَتْقَىٰكُمْ ۚ إِنَّ ٱللَّهَ عَلِيمٌ خَبِيرٌۭ
Zum Schluss
Damit ihr einander kennenlernt
Neunhundert Jahre lang ist an dieser Stelle immer dasselbe passiert: Jemand kam von weit her an, blieb länger als geplant und wurde Teil des Ortes. Der Satz über dieser Seite steht nicht zum ersten Mal hier – er stand schon über der Herzogin auf der Burg: „… damit ihr einander kennenlernt“ (Sure al-Hujurat, 49:13). Wer wissen will, wie das heute aussieht, kann einfach vorbeikommen.
Bildnachweise
Alle Stadtaufnahmen stammen von Wikimedia Commons und stehen unter den jeweils genannten freien Lizenzen. Die Aufnahmen der Moschee sind eigene Bilder der Gemeinde; die Entwurfsansichten des Neubaus stammen aus dem Projektfilm der Gemeinde. Die Karte oben basiert auf Daten von OpenStreetMap (© OpenStreetMap-Mitwirkende, ODbL).
- Blick vom Ödenturm auf Geislingen an der Steige 01.jpg — Neitram, CC BY-SA 4.0
- Panorama geislingen.jpg — Wrmulf, CC BY-SA 3.0
- Geiselsteinfelsen img40917.jpg — Vux, CC BY 4.0
- Burgruine Helfenstein.jpg — Ödenturm, CC BY-SA 4.0
- Burg Helfenstein-07-Aussicht WNW.jpg — Muck, CC BY-SA 4.0
- De Merian Sueviae 107.jpg — Martin Zeiller, Public domain
- Stadtkirche Geislingen.jpg — Pwagenblast, CC BY-SA 4.0
- Geislingen-adS-AltesRathaus.JPG — Joachim Köhler, CC BY-SA 3.0
- Alter Bau Geislingen.jpg — Pwagenblast, CC BY-SA 4.0
- Ödenturm-02.jpg — Muck, CC BY-SA 4.0
- Geislingen an der Steige - Wanzengässle, Fachwerkhaus.JPG — Franzfoto, CC BY-SA 3.0
- Schloßgasse 7, Geislingen an der Steige, Helfensteiner Stadtschloss, img10396.jpg — Vux, CC BY-SA 4.0
- IC 119 auf der Geislinger Steige im Rohrachtal.jpg — Ödenturm, CC BY-SA 4.0
- Bahnwärterhaus an der Steige bei Geislingen.jpg — Georg von Morlok, Public domain
- Modell der Geislinger Steige.jpg — Phil2018, CC BY-SA 4.0
- Luftbild WMF Geislingen.jpg — SP-DTP, CC BY-SA 4.0
- Geislingen DSC02195.jpg — RSchreg, CC BY-SA 3.0
- KZ Geislingen concentration camp 3.jpg — Thilo Parg, CC BY-SA 4.0
- KZ Geislingen concentration camp 8.jpg — Thilo Parg, CC BY-SA 4.0
- Bahnhof Geislingen Steige 2011.jpg — Baron2105, CC BY-SA 3.0
- Hauptstraße, Forellenbrunnen, Geislingen an der Steige, img10375.jpg — Vux, CC BY-SA 4.0
- Geislingen, c. 1905.jpg — Unknown, c. 1905, Public domain




